Bild: Hinweistafel mit Wanderrouten, Hotel Stern und Post, Amsteg


Hier ist Süden

Die Schriftstellerin Leonor Gnos eröffnete die Veranstaltungsreihe «Amstäg! Literatur und Musik». Begleitet wurde die in Marseille lebende Autorin von der Luzerner Akkordeonistin Claudia Muff.

 

Christof Hirtler vom bildfluss-Verlag durfte am Sonntag, 5. Mai, im Hotel Stern und Post über 120 Personen begrüssen. Leonor Gnos las aus ihren Gedicht- und Erzählbänden und unterhielt sich mit dem Moderator Hanspeter Müller-Drossaart über Dichtung, Herkunft, Heimat und Fremde.

«Aufgewachsen bin ich in Amsteg, in einer kleinen, überschaubaren, dörflichen Gemeinschaft. Unsere Familie wohnte in einem Chalet am Burghügel der ‹Zwing Uri›», erzählte Leonor Gnos. «Mein Vater, Magaziner beim Kraftwerk Amsteg und engagierter Politiker der Christlichsozialen, schrieb Artikel fürs ‹Vaterland› und fürs ‹Urner Wochenblatt›. Meine Mutter redigierte sie. Daheim wurde viel gelesen. Ich schrieb gerne Aufsätze, führte von klein auf Tagebuch. Ich liebe die Natur, die Wälder, mein Dorf an der Reuss, fast dem Bristenstock entsprungen.»

Im Text «Amsteg», erschienen 2018 im Orte Verlag, porträtierte sie ihr Dorf: «Im Osten schneidet die Gotthardlinie in die Anhöhen / zieht die Kerbe in den Windgällentunnel / führt sie über die gigantische Kerstelenbachbrücke hinaus / um nach einem Stich in die Waldhänge des Bristenstocks zu verschwinden / den ins Tessin fahrenden Bekannten und Unbekannten konnte ich winken.» Die vielen Züge, die täglich oberhalb ihres Elternhauses durchfuhren, weckten in der Dichterin die Sehnsucht nach der Ferne. Später lernte sie verschiedene europäische Sprachen und lebte in England, Frankreich, Italien, Spanien und Griechenland.

1988 zog Leonor Gnos von der Innerschweiz nach Paris und unterrichtete Deutsch als Fremdsprache. Ihre Affinität für das Schreiben entdeckte Leonor Gnos erst in Frankreich. 2000 erschien im Verlag Gisler ihr erster Erzählband «Bristenbitter» – ein Bilderreigen von Kurzgeschichten, eine poetische Mischung aus Imagination und Realität, eingebettet in eine sorgfältig gewählte Sprache. Innert kürzerster Zeit schrieb sie eine Novelle und vier weitere Gedichtbände. Seit 2010 lebt Leonor Gnos in Marseille – Im Süden. «Hier ist Süden» heisst auch der 2012 erschienene Lyrikband, aus dem die Schriftstellerin einige Gedichte vortrug: «An einem Tag wie diesem / stellst du dir ein Blau / in sicherer Unendlichkeit vor/ und einen Holunderbaum im Blütenstand / du steckst die Nase in die Dolden / ziehst den betörenden Duft ein / zwinkerst den Blättern zu / und der Dryade / die Erinnerung heisst.» Anschliessend spielte Claudia Muff ein weiteres Zwischenspiel – eine Valse Musette. Leonor Gnos freute sich über den grossen Applaus des Pulikums: «Es war ein wundervoller Abend mit vielen angeregten Gesprächen an einem traumhaften Ort.»


Sonntag, 5. Mai 2019, 17 Uhr

Lesung von Leonor Gnos, begleitet von der Akkordeonistin Claudia Muff

im Hotel Stern und Post, Amsteg


Leonor Gnos

Die Schriftstellerin Leonor Gnos ist in Amsteg geboren und lebt heute in Marseille. Sie liebt die Weite des Meers und bleibt verbunden mit dem Ort ihrer Kindheit – sehnt sich nach der Reuss, nach dem Föhn oder steigt in Gedanken auf den Bristenstock. Leonor Gnos schreibt in einer behutsamen Sprache, die gleichzeitig stark und intensiv ist, uns aufwühlt und zum Nachdenken herausfordert. Leonor Gnos schreibt Lyrik und Prosa.

2000 erschien ihr erster Erzählband «Bristenbitter». Es folgten weitere 12 Gedicht- und Erzählbände, u. a. «Hier ist Süden» (2012), «Jenseits von Blau» (2014), «Lichtfalten» (2017), «Fallen Wörter weiter» (2018).

 

 

 

 

Leonor Gnos – zwei Gedichte aus dem Buch «Hier ist Süden»

 

Das Wolkenkissen zerfällt am Horizont

von den wandernden Schatten

in den Höhen bleiben nur noch Ahnungen

oder sind es Variationen dunkler Klänge

eines Namens der vorbeizieht

und zittert in der dünnen Luft

 

Am Bergrücken fällt das Licht

der Wald steht still

eine grünschwarze Festung

hoch über den Kronen der Bäume

kreist ein Bussard wirft

sein klagendes Lied

in die Sternbilder

wird selbst ein Stern

Claudia Muff

Die Musikerin Claudia Muff hat ihren eigenen Stil gefunden.

«Passion d’ accordéon», so heisst eine CD der Luzerner Akkordeonistin. Ihre Musik zeugt von der leiden­schaft­­lichen Liebe zu diesem Intstrument. Mit ihrer filigranen Technik und ihrer Spielfreude interpretiert sie Eigenkompositionen und spielt Volksmusik aus verschiedenen Ländern, die in einer Selbstverständlichkeit in ihr Spiel einfliessen. Klezmer, Valse Musette oder Tango stehen ebenso auf dem Programm wie traditionelle Tänze.

Nebst zahlreichen Radio- und Fernsehauftritten bestritt Claudia Muff Konzerte in Europa, USA, Russland und China. Sie spielt mit Schweizer Volksmusikgrössen wie Nadja Räss, Markus Flückiger, Dani Häusler oder Willi Valotti und schrieb zahlreiche Kompositionen für Akkordeon, Blaskapellen und Blasorchester.

 

Claudia Muff – «Schmetterlinge» aus der CD «Passion d’ accordéon»